Das beste Geschenk

Articles de presse

19. Dezember 2020

Seit nunmehr zehn Monaten stecken wir in der Coronapandemie und in einem Krisenmodus, der unseren Alltag durchdringt. Es wurden Maßnahmen getroffen, die wir bis zum letzten Augenblick für unmöglich hielten: Lockdowns, die Schließung der Schulen und Geschäfte, Ausgangssperren. Gleichzeitig wurden kaum Fortschritte in der Behandlung der Krankheit verzeichnet. Wir können lediglich Symptome behandeln, und dies auch nur mit eingeschränkter Wirkung.

Wir befinden uns ganz klar in einem anderen Szenario als bei einer Grippewelle: keine Grippesaison hat so viele Menschenleben gefordert und unser Gesundheitssystem in diesem Maße an seine Grenzen gebracht. Trotz aller Hygiene- und Distanzmaßnahmen belastet diese Pandemie die mentale und körperliche Gesundheit der Menschen, trennt sie physisch und schwächt unsere Wirtschaft.

Wie können wir aus dieser katastrophalen Situation für Gesellschaft und Wirtschaft herauskommen? Die Hoffnungen in die Impfung sind enorm. Aber ist die Impfung zu Weihnachten tatsächlich das beste Geschenk? Der herbeigesehnte Anfang vom Ende?

Ein Päckchen Hoffnung

Die neuen Impfstoffe könnten tatsächlich die lang ersehnte Wende in dieser unendlich scheinenden Pandemie bringen. Es gibt jedoch noch viele Fragen: über die Forschung, die Entwicklungsprozesse, die Zulassungsprozeduren, die Sicherheit und Verfügbarkeit, über Impfprotokolle, Prioritäten und natürlich mögliche Nebenwirkungen und deren Überwachung. Aber trotz all dieser Fragen besteht die große Hoffnung, dass die Impfstoffe das Ende der Pandemie schon bald einläuten könnten.

Vor diesem Hintergrund muss jeder sich die Frage stellen: „Impfen oder nicht impfen?“ Der Schutz der eigenen Gesundheit ist dabei nur ein Aspekt der Gesamtfrage. Der kollektive Schutz, die sogenannte Herdenimmunität, ist ausschlaggebend, um das Virus zu besiegen. Doch um diese zu erreichen, müssen sich mindestens 70% der Bevölkerung impfen lassen.

Was ist drin?

Um das Vertrauen der Bürger*innen in die Impfstoffe zu stärken, muss die Regierung informieren. Transparenz und Aufklärung sind der Schlüssel für eine breite Akzeptanz der Impfstoffe.

Ein wichtiger Schritt für eine bessere Transparenz war letzte Woche die komplette Offenlegung der Testdaten der Unternehmen Pfizer-BioNTech und AstraZeneca, deren Impfstoffe wohl als erstes bei uns zum Einsatz kommen dürften. Hier wurde ersichtlich, an welchen Personen getestet wurde, wie die Tests verlaufen sind und wie Wirksamkeit und Nebenwirkungen beurteilt wurden. Informationen über Risiken und Nebenwirkungen müssen frei zugänglich sein, denn für viele Menschen ist dies der zentrale Punkt, der ihre Entscheidung beeinflussen wird.

Dass die Impfstoffe in Rekordzeit entwickelt wurden, erscheint auf den ersten Blick suspekt. Dies liegt unter anderem aber daran, dass schon seit der SARS und MERS Pandemien an den Coronaviren geforscht wird. Außerdem ist das Protein, das für die Impfung genutzt wird, schon lange bekannt. Weitere Zeitersparnisse ergaben sich durch paralleles Abwickeln verschiedener Schritte der Zulassungsverfahren. Auch die schnelle und großzügige Finanzierung durch private Initiativen und öffentliche Gelder begünstigte das zügige Vorankommen. Es wurden somit keine Abkürzungen auf Kosten der wissenschaftlichen Entwicklungsarbeit und der Sicherheit genommen.

Wer darf als erster?

Dass die Herdenimmunität erreicht wird, ist angesichts der genannten offenen Fragen alles andere als selbstverständlich. Die Regierung steht vor einer großen Herausforderung. Da noch nicht klar ist, wann wieviel Wirkstoff verfügbar sein wird, muss die Strategie in einer ersten Phase darin bestehen, aus Wenig den größtmöglichen Schutz herauszuschlagen. Hier ist der Ansatz, die Risikoberufsgruppen zu schützen und das Gesundheitssystem vor der Überlastung zu bewahren.

In Großbritannien wurde die 90-jährige Margaret Keenan zur unverhofften Heldin der Coronapandemie, als sie letzte Woche als erste Patientin in Großbritannien geimpft wurde. Luxemburg dagegen will erst einmal das Personal impfen, das sich um Senioren kümmert.

Deshalb ist der Entschluss der Regierung, zuerst das Gesundheits- und Pflegepersonal in den Spitälern, Pflegeeinrichtungen und Pflegediensten zu impfen, um so einen Schutzwall um die Kranken, die Schwachen und die Älteren aufzubauen, durchaus wohl überlegt und sinnvoll.

Muss jeder?

Für eine wirksame Impfkampagne brauchen wir über das Land verteilte Impfzentren, die gut zugänglich sind, auch über den öffentlichen Transport. Das Konzept der Regierung die Impfungen zentral zu koordinieren, zu lagern und zu verabreichen, ist wegen der spezifischen Lagerkonditionen, der verschiedenen Impfprotokolle und der genauen Impftermine die eingehalten werden müssen, die richtige Lösung. Es kann effizienter gearbeitet werden. Trotzdem wird es Monate dauern bis alle, die sich impfen lassen wollen, geimpft werden können.

Die Impfung wird kostenlos sein und es wird keine Impfpflicht geben. Diese persönliche Entscheidung darf keine Auswirkung auf die individuellen Freiheiten haben oder gar die Entstehung einer Zweiklassengesellschaft bewirken. So darf der Impfpass nicht zum Passierschein für Geschäfte, Bars und Restaurants oder Kultur- und Sportveranstaltungen werden. Für Schulen und Betreuungsstrukturen gilt das gleiche, ebenso wie es unvertretbar wäre, dass Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer zum Impfen zwingen würden. Ein solches Vorhaben stünde juristisch gesehen sowieso auf sehr wackeligen Beinen.

Dass sich solche Entwicklungen auf internationaler Ebene anbahnen, und zum Beispiel Airlines nur noch geimpfte Passagiere zulassen wollen, darf hierzulande und in der EU nicht ohne weiteres hingenommen werden. Auch der Vorschlag, Impfverweigerern im Falle einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 die Rückzahlung der Arztkosten durch die Gesundheitskasse zu verweigern, verstößt gegen das solidarische Grundprinzip unseres Gesundheitssystems.

Mit dem gleichen Anspruch ist es unvorstellbar, dass zukünftige COVID-Gesetze unterschiedliche Regelungen für Geimpfte und Nicht-Geimpfte festlegen würden. Bis die Pandemie unter Kontrolle ist, sitzen wir weiterhin alle im gleichen Boot, ungeachtet des Impfstatus. Mit im Boot: die Menschen im globalen Süden. Auch sie hoffen darauf, sich für eine Impfung entscheiden zu können. Hier muss die internationale Solidarität großgeschrieben werden, denn es reicht nicht, nur uns selbst zu schützen um Corona weltweit zu besiegen.

Wie geht es weiter?

Die Impfstrategie von heute wird nicht die von morgen sein.  Je nach Kenntnisstand, der Verfügbarkeit und der unterschiedlichen Impfungstypen wird die Strategie fortwährend angepasst werden müssen.

Die bald zugelassenen Impfstoffe werden ein Teil der Lösung sein, neben den mittlerweile vertrauten Hygiene- und Distanzregeln, die uns in den nächsten Monaten weiter begleiten werden. Sie sind Teil eines breiten Konzepts, das weiterhin Testen, Tracing, Quarantäne und das Tragen von Alltagsmasken beinhalten wird.

Aus diesem Grund ist es unabdingbar, dass wir neben der Impfstrategie auch eine mittel- und langfristige Strategie um die Coronamaßnahmen ausarbeiten. Das Virus wird auch mit Impfstoff nicht innerhalb kürzester Zeit verschwinden. Es bedarf eines Stufenplans, der anhand der Infektionsrate, der Anzahl an belegten Klinikbetten und der Opferzahlen definiert, wann welche Maßnahmen in Kraft treten müssen. Dies würde uns im Alltag eine gewisse Planbarkeit zurückgeben.

Aber die Impfung zu Weihnachten ist wohl das beste Geschenk, das wir uns wünschen konnten. Danke Forschung!

 

Marc Hansen

Abgeordneter déi gréng

Mitglied des Gesundheitsausschusses

(Erstpublikation: Luxemburger Wort – Analyse und Meinung, 19.12.2020)

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